Das Publikum lächelt amüsiert, ist uneingeschränkt bereit, Nachsicht zu üben mit dem jungen Referenten, der sich noch nach Atem ringend sogleich ans Vortragspult gesetzt hat. Timo Rieg ist noch nicht abgeklärt genug, sich vorab zwei Minuten zur Sammlung zu nehmen - bevor er zur Tür hineinstürzt.
Aber aus seinen Augen leuchtet inneres Feuer. Der 35-jährige ist begeisterungsfähig für die scharfe Satire Kurt Tucholskys, für dessen Kritik an den Verhältnissen der Weimarer Republik. Deshalb hat er das Buch "Deutschland, Deutschland über alles" aus dem Jahre 1929 neu herausgegeben und mit eigenen Beiträgen zur aktuellen Lage der Berliner Republik versehen.
Die Begeisterung für Tucholsky verbindet ihn mit seinen etwa 70 Zuhörern, die den linksbürgerlichen Autoren und zeitweiligen Herausgeber der Weltbühne schätzen und kennen, während er ihn gerade entdeckt. So erfreut er sie mit der Lesung von Tucholskys Ansichten zum deutschen Verkehr, zur Obrigkeit, Justiz und zum Militär. Das kommt an, das hört man gerne.
Timo Rieg will aktuelle Bezüge herstellen. In puncto Warten vor roten Ampeln ist dem deutschen Satiriker bis heute nichts hinzuzufügen. Es stimmt unverändert. Militär und Justiz indes sind andere Sichtweisen nötig. Tucholsky kritisierte eine Reichswehr, deren Offiziere kaum Demokraten waren und der Republik skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden. Die Bundeswehr hat 50 Jahre lang eine andere, der Freiheit dienende Rolle gespielt. Aber, fragt Timo Rieg, "müssen Inlandseinsätze und Afghanistan sein?"
Timo Rieg nimmt seine Rolle als Journalist ernst, vor möglichen Fehlentwicklungen zu warnen und so die freiheitliche Gesellschaft zu bewahren. Gefahr besteht immer, die Berlusconismo ebenso wie die politische Gleichgültigkeit junger Leute. (Hans-Adelbert Karweik)




