Der Gebrauch des eigenen Kopfes ist ja in diesem Lande schon immer suspekt gewesen. Als ich noch ein hilfloses Objekt der deutschen Erziehungsberechtigung war, habe ich das am eigenen Haupte erfahren. In meinem Buch "Wir sind, was volkt" habe ich davon berichtet - am Beispiel meines Opas Oskar, bei dem ich in den Schulferien immer zwangsinterniert war. In irgendeinem brandenburgischen Kaff an der Spree war das.
Wann immer mich Opa Oskar bei unzüchtigen Eigen-Initiativen ertappte, also bei der Selbstbefriedigung durch eigenständiges Denken, bekämpfte er diese geistige Unzucht erbarmungslos mit körperlicher Züchtigung. Er zog mich an den Ohren zu sich hinauf, bis ich nahezu abhob vom Boden. Diese brutale Ohrenzieherei war seine wichtigste Erziehungsmethode - ein vergeblicher Versuch, mich großzuziehen. Dabei sagte mein Opa etwas ganz Seltsames: "Du sollst das Denken den Pferden überlassen, die haben einen größeren Kopf als du." Sie lächeln jetzt vielleicht, aber was meinen Sie, mit welcher Ehrfurcht ich damals an den Gäulen in diesem Dorf vorbeigeschlichen bin.
Wie oft habe ich damals als Begründung für eine harte Strafverfolgung gehört: "Er hat wieder seinen eigenen Kopf!" Das klang für mich so, als ob ich eine schlimme Krankheit hätte, eine bösartige Auswucherung über dem Kragen. Ein Kind, das damals in Deutschland mit eigenem Kopf zur Welt kam, galt offenbar als Mißgeburt.
Doch auf diese Art sollte ich lernen, daß es überhaupt nicht um meinen Kopf geht, sondern um das Über-Haupt, um das Ober-Haupt, das über meinen Kopf zu bestimmen hat. Eben das, was einem da übergestülpt wird über das eigene Haupt. So wird fremdes Denken in unser Haupt hineingestampft und hineingestumpft, damit es hinterher nur noch daraus herausdampft und herausdumpft. So entstehen Ideologien, Ogottologien, Igittologien.
Doch ich merke schon: Ich bin mal wieder abgeschwiffen. Ich hab eben den Kopf zu voll. Ich rufe mich also energisch zur Tagesordnung. Und da steht das Scheitern von Multikulti auf dem Programm und in allen Programm-Zeitschriften. Die Integration von Zugewanderten: Wahrlich ein weites Feld - und dieses Feld soll nun nicht mehr multikulturell beackert werden, sondern nur noch mit deutscher Monokultur. Der CDU-Vorsteher des Bundestags, ein gewisser Herr Lammert, forderte daher gestern erneut ein "Bekenntnis zur deutschen Leitkultur". Man tümelt deutsch. Das Sabbeln der Belammerten.
Die Alarmglocken, die an der Neuköllner Rütli-Schule schrillten, riefen mal wieder die üblichen alten Geister wach. Aber immerhin: Es wird nun hie und da auch ernsthaft debattiert, wie man die Abschiebung von (nicht nur ausländischen) Jugendlichen ins gesellschaftliche Abseits verhindern kann - in ein Jenseits der Zivilisation, wo nur noch das Recht des Stärkeren gilt.
Ein Recht, das die BILD-Zeitung schon seit langem für sich beansprucht. Am Mittwoch erschien das Blatt mit der riesigen Totschlag-Zeile: "Deutschlands klügster Kopf redet Klartext: Das läuft mit den Ausländern falsch!" Dieser "klügste Kopf", also das BILD-erkorene Ober-Haupt, ist eine professorale Super-Omme und gehört dem ommi-nösen Herrn Arnulf Baring. Auch so ein igittologisches Sabbel-Monster, ein germanischer Dumpfologe, der via "Bild" oder "Welt" regelmäßig der Nation auf den Wecker geht, auf daß Deutschland mal wieder erwache.
Im BILD-Interview haut er auf "die gegen Tatsachen blinden Gutmenschen" ein, die "das Problem der fehlenden Integration" nicht wahrhaben wollen. Im nächsten Interview-Satz fährt er fort: "Alle Lager haben die Integrationsgefahr ignoriert..." Aus dem "Problem der fehlenden Integration" ist auf einmal eine "Integrationsgefahr" geworden. Da hat er sich freudianisch verplappert, ist gewissermaßen über die eigene völkische Unterschwelle gestolpert. Da redet nicht "Deutschlands klügster Kopf", sondern sein deutsches Unbewußtsein Klartext: Jegliche Integration ist für ihn eine Gefahr - so kommt ein Lapsus wie "Integrationsgefahr" zustande. Diese Gefahr gilt es abzuwehren. Im ganz klaren Klartext heißt das: Ausländer raus!
Zur Illustration - soll heißen, damit sich jeder Leser das richtige BILD macht - ist gleich neben dem Baring-Interview ein Fünfspalter abgedruckt mit der knalligen Hauptzeile: "Jeder 5. Tatverdächtige ist Ausländer". Was für den VorgeBILDeten heißt: Die anderen vier wurden bloß noch nicht erwischt.
Das versteht jeder Klippschüler als Klipp-&Klartext. Man ist ja nicht multikulturell bedeppert. Von wegen - so Baring: "Nicht wir Deutschen sind die Deppen, sondern..." - na, und jetzt dürfen Sie dreimal raten! Bingo: - "die Gutmenschen". Das Gutmenschentum war aller undeutschen Laster Anfang. Und deshalb müssen wir endlich zum Schlechtmenschentum zurückkehren. Eine tausendjährig erprobte deutsche Leitkultur...
Baring zitiert in BILD einen ironischen Slogan der früheren linken Szene: "Ausländer, laßt uns mit den Deutschen nicht allein!" Der "klügste Kopf" hält das im Kopf nicht aus: "Das klingt mir als Parole noch heute in den Ohren." Zu Recht. Genau solche Deutschen wie er waren gemeint.
Martin Buchholz
Update 21. April: hier




